Geschichte Killwangen

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Arme Buren und böser Wein 
Aus dem Neujahrsblatt von 1990 der Gemeinde Killwangen

Drehen wir das Rad der Zeit um rund 200 Jahre zurück in einen auch heute noch höchst bedeutungsvollen Abschnitt unserer eigenen Vergangenheit - an den Vorabend des Industriezeitalters.

Auf den Killwanger Bauern lasteten damals viele Abgaben. Es war Ihnen praktisch verunmöglicht, zu Wohlstand zu kommen. Die Grundzinsen, die jeder Bauer von seinen Gütern entrichten musste, bestanden in Korn, Roggen, Hafer, Hühnern, Eiern usw. Die Einzüger dieser Naturalien waren die Trager. Neben diesen Zinsen entrichteten die Killwanger dem Kloster Wettingen den Zehnten. Er musste von den Getreidearten, den Getränken, vom Obst, Hanf, Flachs, von den Nüssen und den Knollen-Gewächsen gegeben werden.

Durch häufige Verkäufe, Teilungen und Ganten wurden die Verhältnisse derart unübersichtlich, dass oftmals selbst die Grundherren nicht mehr wussten, von wem sie ihre Grundzinsen einzufordern hatten. Dass Verhältnis zwischen Grundherren und Zinspflichtigen wurde neu geregelt und die Pflichten der Trager genau umschrieben.

Es galten folgende Bestimmungen:

  1. Der Trager kann vom Grundherrn oder von den Inhabern der zinspflichtigen Güter ernannt werden.

  2. Der Trager soll ein ehrlicher Mann sein, ihm muss eine Abschrift der betreffenden Tragerei zugestellt werden. Ändert ein Grundstück seinen Besitzer, so ist der Trager verpflichtet, den Wechsel dem Grundherrn anzuzeigen.

  3. Die Trager sind verpflichtet, den Zinspflichtigen anzuzeigen, wann sie die Zinsen abzuliefern haben. Diese müssen hierauf dem Grundherrn gesamthaft entrichtet werden. Den Tragern sollen dadurch keine Kosten entstehen.

  4. Wird ein Grundstück verkauft, so hat der Trager das zugrecht zu demselben, doch mit der Bedingung, dass er Bürger oder rechter Genoss in dem Orte ist, wo er wohnt.

  5. Fallen die Güter in tote oder ewige Hände (Klöster, Spitäler) haben diese die Trager zu bestimmen.

Trotz verschiedener Vorkehren herrschten um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Lehenwesen chaotische Verhältnisse. Die Urbare mussten bereinigt werden. Damit die Bereinigung korrekt durchgeführt werden konnte, liess der Landvogt die Trager, Zins-Leute und Besitzer der Güter zusammen kommen. Diese mussten über die Grundstücke die nötigen Abgaben machen. Die Aussagen wurden aufgeschrieben und nach dem Eintrag wieder verlesen. Durch ehrliche und unparteiische mönner wurden sodann die Güter geschätzt und die Zinsen bestimmt. Auf diese Weise wurde 1759 auch das Killwanger-Urbar bereinigt. Das Amt des Tragers wurde trotzdem ncht attraktiver. Im Februar 1789 beklagte sich Jakob Schuffelberger aus der "Gemeind Kilwangen" beim Kloster Wettingen. Der Einzug der Bodenzinse erfordere viel Zeit und Mühe, sodass er seine Feldarbeit versäume. Dies war - um einen zeitlichen Vergleich mit einem weltpolitischen Ereignis anzustellen - drei Monate vor Ausbruch der Französischen Revolution.

Die Bauern mussten sich der geltenden Zelgenordnung unterziehen, welche eine genaue Abstimmung der Feldarbeiten verlangte. Östlich des Dorfes - im heutigen "Zelgli" bis "Fadacher" - erstreckten sich die drei Zelgen, welche in dreijährigem Turnus bebaut wurden. Auf der ersten Zelg stand Weizen, die zweite Zelg wurde mit Roggen, Bohnen, Erbsen oder Hafer bebaut, und die dritte Zelg lag brach und diente als allgemeine Viehweide. Ein Flurwegnetz fehlte. Um auf seine Felder zu gelangen, musste man über die Äcker des Nachbarn hinwegfahren, was eben eine gute Koordination der verschiedenen Feldarbeiten, der Aussaat und der Ernte, bedingte.

Hat der auf dem Katzenrütihof bei Rümlang wirkende, berühmte Bauer Kleinjogg Gujer (gest. 1785) mit seinen zeittypischen Verbeesserungsversuchen in der Landwirtschaft unsere Bauern in Killwangen beeinflusst? Wohl kaum. Die Killwanger Bauersleute bewegten sich zu sehr in der althergebrachten Bewirtschaftungsweise. Für Experimente wie Aufbereitung der Böden mit Mist und Jauche, Übergang zur Stallfütterung, Intensivnutzung der Äcker usw. war kein Platz vorhanden. Auch die Kartoffel schaffte in Killwangen den Durchbruch relativ spät (ca. 1780).

Für unsere Vorfahren hatte vielmehr das Wetter einen entscheidenden Einfluss. Aus einer alten Chronik entnehmen wir, dass sich der Winter 1758 bis weit in das Frühjahr hinauszog: "1785 hat man den 12., 13. und 14. Tag Abril noch über den alten Winterschnee wie über einn Bruck laufen können, dass es noch so getragen. Auf den 15. Tag Abril hat die Sonne den grossen Schnee erweiket...., dass er in Zeit von 10 Tagen vast allen zerschmoltzen ist. Und die Winterfrucht hat grossen schaden darvon erlitten... (Nachfolgend) ward vast alle Zeit rauch und kalt bis zum lengsten Tag..." Am 1. August begann man das Korn "grün" zu schneiden, den letzten Weizen brachte man an St. Barholomeus (24. August) ein. "Es hat diss Jahr bluthwenig Garben gegäben, und das Brod hat grad nach der Ernd aufgeschlagen...".

Die dauernde Herausforderung für die "armen Buren von Kilwangen" bestand in der Bekämpfung der Ernteschwankungen, die jeweils Notjahre verursachten. Schliesslich war das Zehnten- und Zelgenrecht (Rechte, die eine tausenjährige Grund- und Flurverfassung stützten, aber keine Änderung der Anbauflächen zuliessen) dafür verantwortlich. Das Kloster Wettingen als Zehntenherr war an der bestehenden grossen Ackerfläche im Zelgenbereich interessiert. Nur so glaubte es, voll zu seinen Einkünften zu gelangen.

Wer ständig in Armut und Not lebt, wird erfinderisch. Die Killwanger Bauern erwiesen sich vor allem bei der Entrichtung des Wein-Zehntens als recht listig, wie zuverlässige Quellen zu berichten wissen. Beim traditionellen Umtrunk im Herbst konsumierten die Killwanger Weinproduzenten nicht nur ihren eigenen Wein, sondern steckten Röhrlein ins Zehntenfass und sogen auf diese Weise einen Teil des für das Kloster bestimmten Weines heraus.

Das Kloster beschwerte sich 1790 über den "bösen" Zehntenwein aus Killwangen. Der Killwanger Wein stand tatsächlich im Ruf, sauer zu sein. Welcher Herkunft und Art das Gewächs damals war, hat man bis heute nicht ausgemacht. Es gab wohl einen Abkömmling einer sehr frühen, ebenfalls nicht genau benennbaren Sorte aus dem Mittelalter: den Grossen Roten und den Kläffliger. Macherlei Geschichtsfolklore spielt da bestimmt hinein, dieweil es sich beim Kläffliger um den Pinot Noir, den Blauburgunder, handelt. Der ist - wie man weiss - in der deutschen Schweiz die einzige Rotweinsorte.

Stichwort "böser Wein": ich vermute, das die Killwanger zwei qualitativ unterschiedliche Weine kelterten. Den Zehnten-Wein stammte offensichtlich aus dem Rebäcker, im heutigen Hinterbergengebiet. Der qualitativ bessere Wein wuchs am Buechbüehl. Diese Lage bedeckte den ganzen nach Süden hin offenen und von der Abendsonne noch lange beschienen Hang. Dieser Wein lagerte bestimmt nicht in den Klostergewölben.

Brot und Wein waren die wichtigsten Erzeugnisse, die die Killwanger Bauern dem Boden abrangen. Kehren wir in die heutige Zeit zurück. In unserem Dorf gibt es nur noch ein Landwirt (1990 noch fünf), die Familie Schaufelberger - Nachfahren des Jakob Schuffelberger. 

Schufi

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Quelle:
Killwanger Neujahrsblatt 1990, 2. Jahrgang Hans Schädler
Dorfchronik Killwangen, 1976
Festschrift "750 Jahre Killwangen", 1984
Lob der Tüchtigkeit, 1985, Publikation zum 200. Todesjahr Kleinjogg Gujers


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