Drehen wir das Rad der Zeit um rund
200 Jahre zurück in einen auch heute noch höchst bedeutungsvollen
Abschnitt unserer eigenen Vergangenheit - an den Vorabend des
Industriezeitalters.
Auf den Killwanger Bauern lasteten
damals viele Abgaben. Es war Ihnen praktisch verunmöglicht, zu
Wohlstand zu kommen. Die Grundzinsen, die jeder Bauer von seinen Gütern
entrichten musste, bestanden in Korn, Roggen, Hafer, Hühnern, Eiern
usw. Die Einzüger dieser Naturalien waren die Trager. Neben diesen
Zinsen entrichteten die Killwanger dem Kloster Wettingen den Zehnten. Er
musste von den Getreidearten, den Getränken, vom Obst, Hanf, Flachs,
von den Nüssen und den Knollen-Gewächsen gegeben werden.
Durch häufige Verkäufe, Teilungen
und Ganten wurden die Verhältnisse derart unübersichtlich, dass
oftmals selbst die Grundherren nicht mehr wussten, von wem sie ihre
Grundzinsen einzufordern hatten. Dass Verhältnis zwischen Grundherren
und Zinspflichtigen wurde neu geregelt und die Pflichten der Trager
genau umschrieben.
Es galten folgende Bestimmungen:
-
Der Trager kann vom Grundherrn
oder von den Inhabern der zinspflichtigen Güter ernannt werden.
-
Der Trager soll ein ehrlicher
Mann sein, ihm muss eine Abschrift der betreffenden Tragerei
zugestellt werden. Ändert ein Grundstück seinen Besitzer, so ist
der Trager verpflichtet, den Wechsel dem Grundherrn anzuzeigen.
-
Die Trager sind verpflichtet, den
Zinspflichtigen anzuzeigen, wann sie die Zinsen abzuliefern haben.
Diese müssen hierauf dem Grundherrn gesamthaft entrichtet werden.
Den Tragern sollen dadurch keine Kosten entstehen.
-
Wird ein Grundstück verkauft, so
hat der Trager das zugrecht zu demselben, doch mit der Bedingung,
dass er Bürger oder rechter Genoss in dem Orte ist, wo er wohnt.
-
Fallen die Güter in tote oder
ewige Hände (Klöster, Spitäler) haben diese die Trager zu
bestimmen.
Trotz verschiedener Vorkehren
herrschten um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Lehenwesen chaotische
Verhältnisse. Die Urbare mussten bereinigt werden. Damit die
Bereinigung korrekt durchgeführt werden konnte, liess der Landvogt die
Trager, Zins-Leute und Besitzer der Güter zusammen kommen. Diese
mussten über die Grundstücke die nötigen Abgaben machen. Die Aussagen
wurden aufgeschrieben und nach dem Eintrag wieder verlesen. Durch
ehrliche und unparteiische mönner wurden sodann die Güter geschätzt
und die Zinsen bestimmt. Auf diese Weise wurde 1759 auch das
Killwanger-Urbar bereinigt. Das Amt des Tragers wurde trotzdem ncht
attraktiver. Im Februar 1789 beklagte sich Jakob Schuffelberger aus der
"Gemeind Kilwangen" beim Kloster Wettingen. Der Einzug der
Bodenzinse erfordere viel Zeit und Mühe, sodass er seine Feldarbeit
versäume. Dies war - um einen zeitlichen Vergleich mit einem
weltpolitischen Ereignis anzustellen - drei Monate vor Ausbruch der
Französischen Revolution.
Die Bauern mussten sich der
geltenden Zelgenordnung unterziehen, welche eine genaue Abstimmung der
Feldarbeiten verlangte. Östlich des Dorfes - im heutigen "Zelgli"
bis "Fadacher" - erstreckten sich die drei Zelgen, welche in
dreijährigem Turnus bebaut wurden. Auf der ersten Zelg stand Weizen,
die zweite Zelg wurde mit Roggen, Bohnen, Erbsen oder Hafer bebaut, und
die dritte Zelg lag brach und diente als allgemeine Viehweide. Ein
Flurwegnetz fehlte. Um auf seine Felder zu gelangen, musste man über
die Äcker des Nachbarn hinwegfahren, was eben eine gute Koordination
der verschiedenen Feldarbeiten, der Aussaat und der Ernte, bedingte.
Hat der auf dem Katzenrütihof bei
Rümlang wirkende, berühmte Bauer Kleinjogg Gujer (gest. 1785) mit
seinen zeittypischen Verbeesserungsversuchen in der Landwirtschaft
unsere Bauern in Killwangen beeinflusst? Wohl kaum. Die Killwanger
Bauersleute bewegten sich zu sehr in der althergebrachten
Bewirtschaftungsweise. Für Experimente wie Aufbereitung der Böden mit
Mist und Jauche, Übergang zur Stallfütterung, Intensivnutzung der
Äcker usw. war kein Platz vorhanden. Auch die Kartoffel schaffte in
Killwangen den Durchbruch relativ spät (ca. 1780).
Für unsere Vorfahren hatte
vielmehr das Wetter einen entscheidenden Einfluss. Aus einer alten
Chronik entnehmen wir, dass sich der Winter 1758 bis weit in das
Frühjahr hinauszog: "1785 hat man den 12., 13. und 14. Tag Abril
noch über den alten Winterschnee wie über einn Bruck laufen können,
dass es noch so getragen. Auf den 15. Tag Abril hat die Sonne den
grossen Schnee erweiket...., dass er in Zeit von 10 Tagen vast allen
zerschmoltzen ist. Und die Winterfrucht hat grossen schaden darvon
erlitten... (Nachfolgend) ward vast alle Zeit rauch und kalt bis zum
lengsten Tag..." Am 1. August begann man das Korn "grün"
zu schneiden, den letzten Weizen brachte man an St. Barholomeus (24.
August) ein. "Es hat diss Jahr bluthwenig Garben gegäben, und das
Brod hat grad nach der Ernd aufgeschlagen...".
Die dauernde Herausforderung für
die "armen Buren von Kilwangen" bestand in der Bekämpfung der
Ernteschwankungen, die jeweils Notjahre verursachten. Schliesslich war
das Zehnten- und Zelgenrecht (Rechte, die eine tausenjährige Grund- und
Flurverfassung stützten, aber keine Änderung der Anbauflächen
zuliessen) dafür verantwortlich. Das Kloster Wettingen als Zehntenherr
war an der bestehenden grossen Ackerfläche im Zelgenbereich
interessiert. Nur so glaubte es, voll zu seinen Einkünften zu gelangen.
Wer ständig in Armut und Not lebt,
wird erfinderisch. Die Killwanger Bauern erwiesen sich vor allem bei der
Entrichtung des Wein-Zehntens als recht listig, wie zuverlässige
Quellen zu berichten wissen. Beim traditionellen Umtrunk im Herbst
konsumierten die Killwanger Weinproduzenten nicht nur ihren eigenen
Wein, sondern steckten Röhrlein ins Zehntenfass und sogen auf diese
Weise einen Teil des für das Kloster bestimmten Weines heraus.
Das Kloster beschwerte sich 1790
über den "bösen" Zehntenwein aus Killwangen. Der Killwanger
Wein stand tatsächlich im Ruf, sauer zu sein. Welcher Herkunft und Art
das Gewächs damals war, hat man bis heute nicht ausgemacht. Es gab wohl
einen Abkömmling einer sehr frühen, ebenfalls nicht genau benennbaren
Sorte aus dem Mittelalter: den Grossen Roten und den Kläffliger.
Macherlei Geschichtsfolklore spielt da bestimmt hinein, dieweil es sich
beim Kläffliger um den Pinot Noir, den Blauburgunder, handelt. Der ist
- wie man weiss - in der deutschen Schweiz die einzige Rotweinsorte.
Stichwort "böser Wein":
ich vermute, das die Killwanger zwei qualitativ unterschiedliche Weine
kelterten. Den Zehnten-Wein stammte offensichtlich aus dem
Rebäcker, im
heutigen Hinterbergengebiet. Der qualitativ bessere Wein wuchs am
Buechbüehl. Diese Lage bedeckte den ganzen nach Süden hin offenen und
von der Abendsonne noch lange beschienen Hang. Dieser Wein lagerte
bestimmt nicht in den Klostergewölben.
Brot und Wein waren die wichtigsten
Erzeugnisse, die die Killwanger Bauern dem Boden abrangen. Kehren wir in
die heutige Zeit zurück. In unserem Dorf gibt es nur noch ein Landwirt
(1990 noch fünf), die Familie Schaufelberger - Nachfahren des Jakob
Schuffelberger.