Geschichte Killwangen

 Killwangen AG

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Killwangen im Kanton Baden

aus dem Neujahrsblatt der Gemeinde Killwangen, 10. Jahrgang, Hans Schädler

Aarau - Hauptstadt der Schweiz

Das Jahr 1798 wird mit dem Untergang der Alten Eidgenosenschaft gleichgesetzt, bei dem der Revoluzzerkanton Aargau eine wichtige Rolle spielte. Vom 27. Dezember 1797 bis zum 31. Januar 1798 fand in Aarau die letzte Tagsatzung statt. Fast gleichzeitig sagten sich die Aarauer von der bernischen Herrschaft los, proklamierten die Unabhängigkeit und errichteten Freiheitsbäume.
Es war am 12. April 1798, als der Basler Peter Ochs in der Kantonshauptstadt die Helvetische Republik ausrief und die erste Zusammenkunft der Helvetischen Nationalversammlung stattfand.

 Am 3. Mai wurde dann Aarau mit knappem Vorsprung zur ersten schweizerischen Hauptstadt gewählt. Das stattliche "Haus zum Schlossgarten" beherbergte als erstes Gebäude eine gesamtschweizerische Exekutivbehörde. Seit einigen Jahren im Besitz der Stadt Aarau, kann es zu Recht als erstes schweizerisches Bundeshaus bezeichnet werden.

In Killwangen steht ein Maibaum

Unsere damalige Dorfgemeinschaft hat die revolutionären Vorgänge - geschildert in den nachfolgenden Bereichen - hautnah miterlebt.

Da der französiche Einmarsch nicht aufzuhalten war, befasste sich auch die Grafschaft Baden notgedrungen mit der Loslösung von den regierenden Orten, um sich bereits gemäss den Absichten der Franzosen zu organisieren. Am 19. März 1798 endete - nach 383 Jahren - auch das eidgenössische Untertanenverhältnis der Grafschaft Baden.

Vorerst herrschte jedoch grosse Verwirrung, da niemand wusste, wie die zukünftige politische Ordnung aussehen würde. Ende März wurden in allen Gemeinden - so auch in Killwangen -  Freiheitsbäume errichtet und mit bunten Bändern geschmückt, mehr in der Absicht, die anrückenden Franzosen gnädig zu stimmen als aus Begeisterung für die neue Verfassung. Die Freiheitsbäume waren wie Maibäume präpariert: "Theils waren sie geschelt, theils aber auch mit der Rinde; einige wurden mit Farben gefärbt; an anderen Orten sah man natürlich gewachsene schlanke hohe Bäume an Strassen, zu Freyheitsbäumen geweyhet, indem man ihnen nur die überflüssigen Aste abschnitt und grüne Zweige, besonders oben im Kranz übrig lies".

    

Das Kloster Wettingen, das die Zeichen der Zeit zu deuten wusste, sah sich genötigt, zu den Festlichkeiten gratis Ess- und Trinkwaren abzugeben, und überall, wo das Kloster Zehnten und Grundzinse hatte, musste es Wein und Brot beisteuern.

Das Pflanzen eines Maibaums entsprach im übrigen in Killwangen einer alten Sitte. Der Maibaum war ein Zeichen für bäuerliche Abgaben, die auf einen festgesetzten Termin bezahlt werden mussten. Der aufgerichtete Baum zeigte für eine kurze Zeit Abgabenfreiheit an. 

Der Freiheitsbaum wurde in der Folge zum Symbol für Staats- und Verfassungstreue. Der Bürgereid sollte vorzugsweise, aber nicht ausdrücklich, bei einem Freiheitsbaum geschworen werden. Als die Helvetische Republik ausgerufen wurde, standen auf dem Gebiet der alten Eidgenossenschaft angeblich 7000 Freiheitsbäume, in der Innerschweiz, in Glarus und Appenzell kein einziger.

Joseph Widmer als Agent du préfect

Unter der Bevölkerung zeichneten sich rasch klare Positionen ab: in der Grafschaft Baden - vor allem aber in der Stadt Baden - tendierte man zur helvetischen Seite, und zwar weil man sich davon einen eigenen Kanton mit dem Hauptort Baden versprach. Der Kanton Baden entstand dann 1798 eher zufällig und blieb bis 1803 unstabil. Dieser wurde in fünf Distrikte eingeteilt: Baden, Bremgarten, Muri (noch ohne das dem Kanton Luzern angegliederte Amt Merenschwand), Sarmenstorf (mit dem Amt Hitzkirch) und Zurzach, dazu die heutigen Zürcher Gemeinden Hüttikon, Oetwil, Dietikon und Schlieren.
Den äussersten Zweig des hierarchisch aufgebauten Beamtenapparats bildeten die Agenten in den Gemeinden. Sie wurden von den Unterstatthaltern erwählt und sollten die Befolgung der Befehle von oben überwachen und für öffentliche Ruhe in den Dörfern sorgen,  ja sie waren "Aug, Ohr und Arm des Gesetzes". Der Distrikt Baden zählte 21 Agenten. Das Amt des "Agent du préfect", des Vertreters der Exekutivgewalt, entsprach dem des späteren Gemeindeammanns. Sein Amtsabzeichen bestand in einer grünen Armbinde am rechten Arm. Killwangen und Neuenhof wurden als eine Gemeinde betrachtet und stellten in der Person von Joseph Widmer aus Killwangen den gemeinsamen Agenten. Joseph Widmer war für dieses Amt geeignet, weil er lesen und schreiben konnte, was damals gar nicht so selbstverständlich war. Neben dem Agenten wirkte in jeder Gemeinde ein Munizipalrat, dessen Präsident die Gemeindeversammlung leitete und deren Mitglieder sich mit der dreifarbigen Schärpe dekorierten.

Killwanger leisten den Bürgereid

In Killwangen scheint man sich im Sommer 1798 mit dem unabänderlichen abgefunden zu haben. Am 22. August erfolgte im ganzen Kanton Baden die Eidleistung. Alle christlichen Männer zwischen 20 und 70 Jahren mussten den Bürgereid in ihrer Wohngemeinde ablegen, was in Killwangen offenbar ohne Opposition über die Bühne ging. Der Rechenschaftsbericht des Agenten an die Regierung mit Namenlisten enthält jedenfalls keine negativen Bemerkungen.

Der Bürgereid ging formal auf die längst eingeübten Eidrituale der Alten Eidgenossenschaft zurück, erfüllte aber eine andere Funktion. Für die Killwanger, Angehörige der Grafschaft Baden, war es nichts Neues. Bisher hatten sie schon beim Amtsantritt des Landvogts einen Schwörtag oder eine Huldigung erlebt. Die an einem Sonntag im Herbst stattfindende Huldigung wurde nach einem genau festgelegten Zeremoniell abgehalten. Begleitet von Landschreiber und Untervogt ritt der Landvogt durch die Grafschaft und nahm, ohne vom Pferd zu steigen, im Namen der herrschenden Orte die Huldigung der zusammengeströmten Untertanen entgegen. An seine Stelle trat jetzt der Bürgereid, den alle Bürger auf die helvetische Einheitsverfassung schwören sollten, um so das Gesellschaftsmodell in einer Art Urabstimmung demokratisch zu legitimieren. Die Helvetik inszenierte die Bürgervereidigung bewusst als Erneuerung des Rütlischwurs.

Der Herr wird durch den Bürger ersetzt

Ab dem 12. April 1798 galt die helvetische Verfassung, das erste schweizerische Grundgesetz. Der unter anderem nach den Ideen der Französischen Revolution postulierte moderne Staat mit dem Volk als Souverän und garantierter Rechtsgleichheit aller Bürger ging von einem völlig neuen Freiheitsbegriff aus. Dieser hatte wenig gemein mit der althergebrachten Vorstellung von Freiheit. In der Verfassung waren die durch die Revolution errungenen Ideale - Freiheit, Gleichheit und Einigkeit - festgelegt. jetzt mussten die Ideale einer neuen Gemeinschaft in der Bevölkerung verbreitet und verankert werden. Dazu hatten sich die neuen Machthaber ein weitgreifendes Programm ausgedacht. Dieses umfasste verschieden Lebensbereiche. Die Differenzen zwischen den Ständen, sozialen Gruppen, Konfessionen, Stadt und Land sollten aufgehoben werden.

Nach französischem Vorbild erklärten am 11. Juni 1798 auch die neuen helvetischen Gesetzgeber das Tragen einer Nationalkokarde (Politische Abzeichen) für alle Bürger als obligatorisch. Das äussere Bekenntnis entsprach aber nicht immer der inneren Gesinnung des Trägers.

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Auch der Urvater der alten Schweizerfreiheit, Wilhelm Tell und sein Sohn, wurden zum Symbol der helvetischen Republik: Tell ist nicht mehr der aufrührerische Rebell, sonder der mündige Bürger und fürsorgliche Vater.

Der der "Gleichheit widerstrebende" Ausdruck "Herr" wurde durch ein Gesetz vom 28. April 1798 überall abgeschafft und durch "Bürger" ersetzt. Ob sich diese Neuerung in Killwangen durchgesetzt hat, ist ernsthaft zu bezweifeln. Für Frauen war die neue Anrede auf jeden Fall eine Floskel, denn an den Titel "Bürgerin" waren weder verfassungsmässige Gleichheit noch Bürgerrecht geknüpft. Immerhin hatten auch sämtliche Ehrentitel wie "von", "Graf", "Junker", "Hochwohlgeborener"" usw. ausgedient.

Umsturz auch in der Statistik

Der politische Umsturz am Ende des 18. Jahrhunderts zeigte auch Auswirkungen auf dem Gebiet der Statistik. um Grundlagen für ihre Amtstätigkeit bereitzustellen, sammelten die Amtsträger der helvetischen Republik mittels Umfragen - sogenannte Enquêten - umfangreiches Datenmaterial. Sie liessen die Bevölkerung, die Häuser, die Haushaltungen und das Vieh zählen, listeten die vorhandenen und neu patentierten Gewerbebetriebe und Gastwirtschaften auf, erhoben die Zahl und den Zustand von Schulen, Wäldern usw. Die helvetische Volkszählung von 1798/99 ist die erste Erhebung über die Bevölkerungszahl, die das ganze zur Republik gehörende Gebiet abdeckte. Ihre Werte sind heute noch wichtig für die Geschichtswissenschaft. Fehlerfrei ist sie allerdings nicht, denn sie erstreckte sich über mehrere Monate bis ins Jahr 1799 hinein, fand also nicht an einem Stichtag statt wie jede moderne Zählung. Für Killwangen wurden 119 Personen und 9 Häuser ermittelt.

Ein Vergleich mit der "General-Tabell der Statt, Aemteren und Obervogteyen der Graffschaft Baden", die der Birmenstorfer Pfarrer Josef Fridolin Stamm 1778 zusammenstellte (vgl. Dorfchronik Killwangen, S.22) zeigt, dass in 20 Jahren die Zahl der Häuser gleich geblieben ist, die Bevölkerung von Killwangen aber um 29 Personen zugenommen hat.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das spezielle "Verzeichnis der von 1770 bis 1798 geborenen und noch lebenden Knaben von Killwangen".

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Auseinandersetzung mit dem geistigen Erbe

Einerseits waren die Einquartierungen, Arbeitsdienste, Abgaben usw., für die damalige Bevölkerung die drückendsten Lasten, die man als "Entgeld" für die neuen Freiheiten notgedrungen zahlen musste. Auf der anderen Seite tragen der Ausbruch aus der Untertanenrolle hin zu "Liberté" und "Egalité" und die Impulse für den Aufbau einer neuen Ordnung in der Schweiz aargauische Etiketten. Und die Entstehung des heutigen Kantons Aargau ist ohne die Ereignisse dieses Zeitabschnittes nicht erklärbar. Gleichsam als Produkte eines Zentrums der geistigen Auseinandersetzung wurden im Aargau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alle wichtigen nationalen Verbände gegründet, so jene der Turner, Schützen und Sänger, aber auch politische Vereinigungen.

Interessante zusätzliche Informationen:

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Quellen:

Killwangner Neujahrsblatt 1998, Hans Schädler
Staatsarchiv des Kantons Aargau
Revolution im Aargau, Umsturz - Aufbruch -Widerstand 1798-1803, Aarau 1997
Neuenhof, ein Dorf und seine Geschichte, Baden 1993
http://www.forumschlossplatz.ch
http://www.zuerich98.ch


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