Geschichte Killwangen

 Killwangen AG

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Von bewegten Zeiten und saurem Wein
Aus der Festschrift zum 750 Jahr Jubiläum 1984 von Hans Schädler

Nach der Eroberung der Grafschaft stand die hohe Gerichtsbarkeit bei den Eidgenossen. Ausgeübt wurde sie jeweils durch den Vogt in Baden. Er richtete über "blütend wunden, düpstal, falsches mesz und das dem man an sin hals gat und der den andern frevelt under ruossigen rafen und umb nachts heimsuochen und was uf der lantstrasz geschicht". Für die gleichen Vergehen hatte man in den verschiedenen Ämtern verschieden Bussenansätze. Für einen Schlag mit bloser Hand wurde in den Ämtern Rohrdorf un Birmenstorf (zu dem auch Killwangen gehörte) mit einem Pfund sieben Schilling gebüsst.
Es kam nicht selten vor, dass ein Landvogt das Amt erkaufte. Die hinterlegte Summe und noch ein schönes Sümmchen dazu mussten nun wieder aus den Untertanen herausgepresst werden. Die Tagsatzung bestimmte zwar die Steuern und Abgaben, aber die Landvögte erhöhten diese nach ihrem Gutdünken. Als fixes Einkommen bezog der Landvogt 250 Pfund. Das war jedoch der kleinste Teil seiner Besoldung. Die Ämter lieferten dazu noch Heu, Stroh, Holz und Hühner. In Killwangen und Neuenhof gab jeder Bauer ein Viertel Karren.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren des 16. Jahrhunderts trat in der Grafschaft Baden eine arge Teuerung ein; die zum Leben notwendigen Sachen wiesen hohe Preise auf. Der Bauer zahlte für sein geliehenes Geld den Zins in Getreide. 1571 klagten die armen Untertanen der Grafschaft, dass sie von 100 Gulden Kapital "vier bis fünf müt Kernen" bezahlen müssten, was sie an den Bettelstab bringe. Es wurde daraufhin verordnet, dass von Grund- und Bodenzinsen während der Teuerung von 100 nur 5 Gulden genommen werden dürfen. Um der Teuerung wirksam begegnen zu können, verboten die regierenden Orte den sogenannten Fürkauf des Getreides. Es war untersagt, Korn, Roggen, Hafer und dergleichen weder in den Gotteshäusern, Speichern, Mühlen, Häusern noch auf dem Felde aufzukaufen. Wer etwas zu verkaufen hatte, musste es auf die freien Märkte der Städte bringen. Fehlbare wurden empfindlich bestraft. Die Grundzinsen wurden durch die Trager eingesammelt. Dieses Amt trug offenbar nicht viel ein, denn 1703 beschwerten sich die Steuereinsammler, dass sie durch die Tragereien zu Grunde gerichtet würden. Der Einzug der Bodenzinse erfordere viel Zeit und Mühe, so dass sie deswegen die Feldarbeit versäumen müssten.

Die Bevölkerung der meisten Landschaften kannte im 18. Jahrhundert keine gewerbliche Berufe mehr. In dieser Hinsicht genoss die Grafschaft Baden eine Vorzugsstellung, denn die regierenden Orte hatten ihr 1666 die freie Ausübung des Handwerks bewilligt. Die Bauern sollten nicht gezwungen sein, ihre Werkzeuge in die grossen Städte zur Reparatur zu bringen. 1776 gab es trotzdem in Killwangen nur drei Handwerker. Alle anderen Einwohner waren Bauern. Im Ackerbau war um 1750 ein Umschwung eingetreten, als man begann, die Kartoffeln in grossem Ausmasse anzupflanzen. Dieses Nahrungsmittel war inzwischen so wichtig geworden, dass die Leute eher ohne Brot als ohne Kartoffeln leben konnten. Die Armen, die wenig Land besassen, pflanzten sie in Roggen- oder Kornzelgen an. Der schlechte Bodenertrag war im allgemeinen auch auf dei ungenügende Bebauung des Landes zurückzuführen. Die Bestellung einer Jucharte erforderte 16 Fuder Mist, aber die Bauern brachten kaum die Hälfte davon auf. Als Ersatzmittel entdeckte man damals das Düngen mit Jauche. Die Bauern standen den neuen Methoden allerdings sehr ablehnend gegenüber, und sie nahmen lieber einen geringeren Ertrag in Kauf, als dass sie zu etwas Neuem Zuflucht genommen hätten. Dass man sich auch selten dazu aufraffte, die Verhältnisse zu verbessern, war zu einem grossen Teil die Schuld des gesamten damaligen politischen und wirtschaftlichen Systems. Die Armut wirkte so lähmend, dass man die Mittel nicht aufbrachte, die zu helfen imstande gewesen wären. Einer der wichtigsten Punkte war in diesem Zusammenhang der Holzmangel. Auch in Killwangen wurde eine zu intensive Bewirtschaftung der Baumbestände vorgenommen. So erreichte das Holz nur etwa ein Alter von zehn Jahren. Der Holzmangel war charakteristisch für die meisten Gemeinden der Grafschaft Baden.

Für die Erfassung des wirtschaftlichen Umsatzes einer Gemeinde stand noch im 18. Jahrhundert der Getreidebau an erster Stelle. Verbrauchsmenge pro Kopf und Grundzins in Getreide waren dabei die wichtigsten Faktoren. In Killwangen reichte das jährlich produzierte Getreide gerade aus, dass sich die Bevölkerung davon ernähren konnte.

Im März 1798 verkündete der Landvogt die Freiheit der Bauern, indem er die Grafschaft Baden aus ihren Untertanenpflichten entliess. Dem grossen Jubel und der allgemeinen Begeisterung folgte bald die Besetzung des Landes durch die Franzosen. Das französische Militär plünderte und brandschatzte. Auch Killwangen wurde nicht verschont und hatte unter der Besetzung stark zu leiden. Am 20. September 1799 befanden sich in unserem Dorf 1264 Mann der 1. Helvetische Legion.

1842 ereignete sich eine schreckliche Brandkatastrophe. Sieben urtümliche Strohdachhäuser fielen - offenbar wegen eines Funkenwurfes aus einem Kamin - einem verheerenden Brand zum Opfer.

1846 war wieder ein Hungerjahr. Die immer wiederkehrenden Schlechtwetter-, Not- und Hungerzeiten veranlassten mehrere Killwanger, ihre Heimat für immer zu verlassen und ihr Glück in Amerika zu suchen. Das Auswanderungsbuch der Gemeinde Killwangen wird von Jakob Widmer abgeschlossen. Er wanderte am 15. August 1854 mit seiner Frau und sechs Kindern nach Amerika aus.

Es ist nicht etwa so, dass nur an den Südhängen des Limmattales Rebbau betrieben wurde. Der Weinstock, diese uralte Kulturpflanze, gedieh auch auf der "Schattenseite" in Killwangen. Dass sich in unserer Gemeinde der Rebbau nicht bis heute zu halten vermochte,  liegt nicht nur an der minderen Qualität des Weines, sondern auch an der z.T. unwirtschaftlichen Art, wie der Rebbau betrieben wurde. Man pflanzte in Killwangen die Weinstöcke nur 60 - 70 cm weit auseinander. Während diese Distanz an den "sonnigen" Orten gerechtfertigt war, genügte sie der schlechteren Lage Killwangens nicht. Die Trauben hatten zu wenig Sonne und reiften oft schlecht aus. Aber man legte eben mehr Gewicht auf Quantität als auf Qualität, was weiter nicht verwunderlich ist, wenn man vernimmt, dass der grösste Teil des Weines von den Produzenten selber getrunken wurde.

Der Killwanger Wein - sauer, mit krassen Methoden aufgeschönt, allzu oft mit Holundersaft von weiss auf rot umgefärbt, war Tafelgetränk Nummer 1. Eigentlich erstaunlich, da uns überliefert ist, dass man in Killwangen gar gewaltige Kelterbäume benötigte, um die harten Trauben zu zerdrücken und dass der Wein für Auswärtige erst trinkbar wurde, wenn er 30 Jahre gelagert war. Die Reben lieferten aber auch noch Heizmaterial, und zwar in Form von "Wellen" aus geschnittenen Rebholz. Heute erinnern nur noch Flur- und Strassennamen (Rebäcker) an den Rebbau in Killwangen. Das Aussterben der Killwanger Reben lässt sich mit folgenden Zahlen belegen:

1900: 128 Aren
1915:  82 Aren
1916:  81 Aren
1917:  73 Aren
1918:  56 Aren
1919:  50 Aren
1924:  40 Aren
1926:  14 Aren

Der kalte Winter von 1928/29 vernichtete die letzten Rebstöcke.

1995 Pflanzte jedoch Thomas Regensburger im Garten seiner Eltern wieder einige Rebstöcke an. Unterdessen sind auch die ersten Trauben gekeltert und der "Chateau Buechbühl" erlebt eine kleine Renessaince.

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