Nach der Eroberung der
Grafschaft stand die hohe Gerichtsbarkeit bei den Eidgenossen. Ausgeübt
wurde sie jeweils durch den Vogt in Baden. Er richtete über "blütend
wunden, düpstal, falsches mesz und das dem man an sin hals gat und der
den andern frevelt under ruossigen rafen und umb nachts heimsuochen und
was uf der lantstrasz geschicht". Für die gleichen Vergehen hatte
man in den verschiedenen Ämtern verschieden Bussenansätze. Für einen
Schlag mit bloser Hand wurde in den Ämtern Rohrdorf un Birmenstorf (zu
dem auch Killwangen gehörte) mit einem Pfund sieben Schilling gebüsst.
Es kam nicht selten vor, dass ein Landvogt das Amt erkaufte. Die
hinterlegte Summe und noch ein schönes Sümmchen dazu mussten nun
wieder aus den Untertanen herausgepresst werden. Die Tagsatzung
bestimmte zwar die Steuern und Abgaben, aber die Landvögte erhöhten
diese nach ihrem Gutdünken. Als fixes Einkommen bezog der Landvogt 250
Pfund. Das war jedoch der kleinste Teil seiner Besoldung. Die Ämter
lieferten dazu noch Heu, Stroh, Holz und Hühner. In Killwangen und
Neuenhof gab jeder Bauer ein Viertel Karren.
In den Siebziger- und
Achtzigerjahren des 16. Jahrhunderts trat in der Grafschaft Baden eine
arge Teuerung ein; die zum Leben notwendigen Sachen wiesen hohe Preise
auf. Der Bauer zahlte für sein geliehenes Geld den Zins in Getreide.
1571 klagten die armen Untertanen der Grafschaft, dass sie von 100
Gulden Kapital "vier bis fünf müt Kernen" bezahlen müssten,
was sie an den Bettelstab bringe. Es wurde daraufhin verordnet, dass von
Grund- und Bodenzinsen während der Teuerung von 100 nur 5 Gulden
genommen werden dürfen. Um der Teuerung wirksam begegnen zu können,
verboten die regierenden Orte den sogenannten Fürkauf des Getreides. Es
war untersagt, Korn, Roggen, Hafer und dergleichen weder in den
Gotteshäusern, Speichern, Mühlen, Häusern noch auf dem Felde
aufzukaufen. Wer etwas zu verkaufen hatte, musste es auf die freien
Märkte der Städte bringen. Fehlbare wurden empfindlich bestraft. Die
Grundzinsen wurden durch die Trager eingesammelt. Dieses Amt trug
offenbar nicht viel ein, denn 1703 beschwerten sich die
Steuereinsammler, dass sie durch die Tragereien zu Grunde gerichtet
würden. Der Einzug der Bodenzinse erfordere viel Zeit und Mühe, so
dass sie deswegen die Feldarbeit versäumen müssten.
Die Bevölkerung der
meisten Landschaften kannte im 18. Jahrhundert keine gewerbliche Berufe
mehr. In dieser Hinsicht genoss die Grafschaft Baden eine
Vorzugsstellung, denn die regierenden Orte hatten ihr 1666 die freie
Ausübung des Handwerks bewilligt. Die Bauern sollten nicht gezwungen
sein, ihre Werkzeuge in die grossen Städte zur Reparatur zu bringen.
1776 gab es trotzdem in Killwangen nur drei Handwerker. Alle anderen
Einwohner waren Bauern. Im Ackerbau war um 1750 ein Umschwung
eingetreten, als man begann, die Kartoffeln in grossem Ausmasse
anzupflanzen. Dieses Nahrungsmittel war inzwischen so wichtig geworden,
dass die Leute eher ohne Brot als ohne Kartoffeln leben konnten. Die
Armen, die wenig Land besassen, pflanzten sie in Roggen- oder Kornzelgen
an. Der schlechte Bodenertrag war im allgemeinen auch auf dei
ungenügende Bebauung des Landes zurückzuführen. Die Bestellung einer
Jucharte erforderte 16 Fuder Mist, aber die Bauern brachten kaum die
Hälfte davon auf. Als Ersatzmittel entdeckte man damals das Düngen mit
Jauche. Die Bauern standen den neuen Methoden allerdings sehr ablehnend
gegenüber, und sie nahmen lieber einen geringeren Ertrag in Kauf, als
dass sie zu etwas Neuem Zuflucht genommen hätten. Dass man sich auch
selten dazu aufraffte, die Verhältnisse zu verbessern, war zu einem
grossen Teil die Schuld des gesamten damaligen politischen und
wirtschaftlichen Systems. Die Armut wirkte so lähmend, dass man die
Mittel nicht aufbrachte, die zu helfen imstande gewesen wären. Einer
der wichtigsten Punkte war in diesem Zusammenhang der Holzmangel. Auch
in Killwangen wurde eine zu intensive Bewirtschaftung der Baumbestände
vorgenommen. So erreichte das Holz nur etwa ein Alter von zehn Jahren.
Der Holzmangel war charakteristisch für die meisten Gemeinden der
Grafschaft Baden.
Für die Erfassung des
wirtschaftlichen Umsatzes einer Gemeinde stand noch im 18. Jahrhundert
der Getreidebau an erster Stelle. Verbrauchsmenge pro Kopf und Grundzins
in Getreide waren dabei die wichtigsten Faktoren. In Killwangen reichte
das jährlich produzierte Getreide gerade aus, dass sich die
Bevölkerung davon ernähren konnte.
Im März 1798 verkündete
der Landvogt die Freiheit der Bauern, indem er die Grafschaft Baden aus
ihren Untertanenpflichten entliess. Dem grossen Jubel und der
allgemeinen Begeisterung folgte bald die Besetzung des Landes durch die
Franzosen. Das französische Militär plünderte und brandschatzte. Auch
Killwangen wurde nicht verschont und hatte unter der Besetzung stark zu
leiden. Am 20. September 1799 befanden sich in unserem Dorf 1264 Mann
der 1. Helvetische Legion.
1842 ereignete sich eine
schreckliche Brandkatastrophe. Sieben urtümliche
Strohdachhäuser
fielen - offenbar wegen eines Funkenwurfes aus einem Kamin - einem
verheerenden Brand zum Opfer.
1846 war wieder ein
Hungerjahr. Die immer wiederkehrenden Schlechtwetter-, Not- und
Hungerzeiten veranlassten mehrere Killwanger, ihre Heimat für immer zu
verlassen und ihr Glück in Amerika zu suchen. Das Auswanderungsbuch der
Gemeinde Killwangen wird von Jakob Widmer abgeschlossen. Er wanderte am
15. August 1854 mit seiner Frau und sechs Kindern nach Amerika aus.
Es ist nicht etwa so, dass
nur an den Südhängen des Limmattales Rebbau betrieben wurde. Der
Weinstock, diese uralte Kulturpflanze, gedieh auch auf der
"Schattenseite" in Killwangen. Dass sich in unserer Gemeinde
der Rebbau nicht bis heute zu halten vermochte, liegt nicht nur an
der minderen Qualität des Weines, sondern auch an der z.T.
unwirtschaftlichen Art, wie der Rebbau betrieben wurde. Man pflanzte in
Killwangen die Weinstöcke nur 60 - 70 cm weit auseinander. Während
diese Distanz an den "sonnigen"
Orten gerechtfertigt war, genügte sie der schlechteren Lage Killwangens
nicht. Die Trauben hatten zu wenig Sonne und reiften oft schlecht aus.
Aber man legte eben mehr Gewicht auf Quantität als auf Qualität, was
weiter nicht verwunderlich ist, wenn man vernimmt, dass der grösste
Teil des Weines von den Produzenten selber getrunken wurde.
Der Killwanger Wein -
sauer, mit krassen Methoden aufgeschönt, allzu oft mit Holundersaft von
weiss auf rot umgefärbt, war Tafelgetränk Nummer 1. Eigentlich
erstaunlich, da uns überliefert ist, dass man in Killwangen gar
gewaltige Kelterbäume benötigte, um die harten Trauben zu zerdrücken
und dass der Wein für Auswärtige erst trinkbar wurde, wenn er 30 Jahre
gelagert war. Die Reben lieferten aber auch noch Heizmaterial, und zwar
in Form von "Wellen" aus geschnittenen Rebholz. Heute
erinnern nur noch Flur- und Strassennamen (Rebäcker) an den Rebbau in
Killwangen. Das Aussterben der Killwanger Reben lässt sich mit
folgenden Zahlen belegen:
1900: 128 Aren
1915: 82 Aren
1916: 81 Aren
1917: 73 Aren
1918: 56 Aren
1919: 50 Aren
1924: 40 Aren
1926: 14 Aren
Der kalte Winter von
1928/29 vernichtete die letzten Rebstöcke.
1995 Pflanzte jedoch
Thomas Regensburger im Garten seiner Eltern wieder einige Rebstöcke
an. Unterdessen sind auch die ersten Trauben gekeltert und der
"Chateau Buechbühl" erlebt eine kleine Renessaince.

Mehr
zum Thema
Arme Buren, böser Wein
>>