
Bauernhäuser
in Killwangen, Federzeichnungen von J.L. Meyer von Knonau, um 1750
Durch die industrielle Entwicklung in
den letzten Jahren und Jahrzenten haben viele Dörfer ihren ehemals
bäuerlichen Charakter verloren; nur in wenigen, meist kleinen und
abgelegenen, blieb das Bauerndorfbild erhalten. Die nicht mehr der
Landwirtschaft dienenden Bauernhäuser verfallen entweder dem Abbruch
oder erfahren meist gleichzeitig mit dem Funtionswandel auch
einschneidende formale Veränderungen. Diese Entwicklung trägt wiederum
zur allmählichen Zerstörung der lokaltypischen baulichen Eigenarten
bei. Freuen wir uns, dass in Killwangen noch einige ehemalige
Bauernhäuser - trotz aufwendigerem Unterhalt - liebvoll gepflegt werden
und der Nachwelt erhalten bleiben.
Im alten Getreidebaugebiet des
Mittellandes dominierte der Einhausbau. In der Regel erfolgte eine
Unterteilung dieser Vielzweckbauten in Wohnung, Tenn und Stall (Dreisässenhaus).
Gesamthaft überwiegen dabei die Mittertennhäuser gegenüber den
Mitterstallhäusern - so auch in Killwangen. Eine historisch bedingte
Abhängigkeit von benachbarten Gebieten kommt auch durch die markanten
konstruktiven Unterschiede, speziell durch die verschiedenartigen
Merkmale von Wand und Dach, den beiden wichtigsten Hauselementen, zum
Ausdruck. In Killwangen z.B. macht sich der
zürcherisch-ostschweizerische Fachwerkbau mit dem mittelsteilen, seit
langer Zeit mit Ziegeln gedeckten Satteldach deutlich Bemerkbar.
Das Aufkommen des Backsteins als
bevorzugter Baustoff, welcher die alten, an Ort und Stelle vorhandenen
Materialien (Holz, Kalk- und Sandstein sowie Lehm) seit der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach ersetzte, hatte vor allem
bezüglich Wandkonstruktion eine zunehmende Gleichförmigkeit zur Folge.
Die Fachwerkwand galt als minderwertig. Der Verputz an bestehenden
Bauten sollte - wie der Kalkmilchanstrich an Ständerwänden - den
vermeintlich vornehmeren Steinbau vortäuschen.

Haus Zürcherstrasse 2:
Dieses klassische Mittertennhaus - zuletzt bewohnt von Oswald Scherer -
wurde leider 1971 abgebrochen. Die Aufnahme von 1934 zeigt die
Bauernfamilie Paul Scherer (Foto zVg von Bernhard Scherer)
Wenn man das Wort "Haus"
ausspricht, kommen verschiedene Bedeutungen auf. Eine jedoch überwiegt
alle andern. Und diese eine ist auch die ursprüngliche: Geborgenheit.
"Haus" steht sprachlich in enger Verwandtschaft zu
"Haut" und "Hut". Jedes dieser Wörter meint das
Behüten, das Beschützen, das Bergen. Besonders in einem alten Haus
begegnen sich andauernd und immer wieder Zeit und Ewigkeit, Traum und
Erfüllung, Wunsch und Gabe. In altem Gemäuer lässt sich gut leben,
menschlich leben. Die Wände erzählen Geschichten und das Material
atmet. Alte Häuser haben ihre Geheimnisse - sie sind stets mit dem
Schicksal ihrer Bewohner und dem Dorf verbunden.
In den nachfolgenden Ausführungen
stütze ich mich weitgehend auf den 1995 erschienen Bildband "Die
Kunstdenkmäler des Kantons Aargau", Bezirk Baden (2. Teil) Peter
Hoegger, ein Kunsthistoriker von grosser Sorgfalt und einer klaren
Sprache, behandelt in diesem Werk 15 Landgemeinden, darunter auch
Killwangen. Im Text weist der Autor eine beneidenswerte Fülle an
Kenntnissen in der Bautypologie aus und widmet sich eingehend den für
die Region besonders charakteristischen Entwicklungen der Ortsbilder.
Für Killwangen wird ein Bezug
zurück bis ins 13. Jahrhundert hergestellt mit dem Hinweis auf die
Gebäulichkeiten auf dem Sennenberg.

Schon durch den Gütererwerb
in Killwangen, 1234, kam das Kloster Wettingen in den Besitz des
Sennenbergs. Hier- auf des "Lobwürdigen Gotteshauses Senten Weydt
an dem berg ob Kihlwangen hinauf zu oberst" - liess Abt Nikolaus
Göldlin von Tiefenau um 1680 für seine Konventualen ein Erholungsheim
errichten. Sein vierter Nachfolger, Abt Alberich Beusch, ergänzte 1729
dessen Ausstattung. Unter Abt Alberich Denzler erfolgte 1822 eine
Vergrösserung der benachbarten Stallscheune. Nach der Aufhebung des
Klosters Wettingen 1841 ging der Sennenberg in Privatbesitz über; heute
ist er Eigentum des Verbandes Aargauischer
Fleckviehzuchtgenossenschaften. 1920 wurde anlässlich einer
Tieferlegung des Hauptdachs der wertvolle Gemäldeschmuck im Innern des
Hauses nach notdürftiger fotografischer Dokumentierung entfernt. Der
grösste Teil davon gelangte ins historische Museum Baden und erfuhr
anschliessend durch Kunstmaler Baur eine Restauration.
Alte Wandmalereien aus
Killwangen
>>
Um 1370 wird in Killwangen
eine Kapelle erwähnt. Abt Johann Müller von Wettingen (1486 -
1521) liess das kleine Gotteshaus zu Ehren der Heiligen Ursus und Viktor
neu errichten, wie es scheint aus Anlass einer Reliquienschenkung aus
Solothurn. Nach der Reformation holte Abt Christoph Silberisen (1563 -
1594) die Reliquien und den Altar ins Kloster Wettingen. Später wurde
die Kapelle profanen Zwecken zugeführt; um die Mitte des 19.
Jahrhunderts gingen Teile ihrer Umfassungsmauern im Neubau eines
Landwirtschaftsgebäudes auf. Der kleine Sakralbau lag am Platz des
heutigen Mittertennhauses Zürcherstrasse 1 (Fam. Greber). Die Kappelle
bestand aus einem 24x12 Schritte messenden Rechteckschiff und einem 12
Schritte tiefen eingezogenen Chor mit Halbkreisschluss. In der
nordwestlichen Stirnwand des Gehöftes ist vom Heuboden aus ihre aus Bollen- und Bruchsteinen gefügte Giebelmauer mit den beiden
Dachschrägen und einem zugemauerten Rechteckfenster noch deutlich
wahrzunehmen. Im Boden des südostseitigen Gartens wurden vor Zeiten die
Chorfundamente festgestellt.
"Est Killwangen villula
paucorum civium" (Killwangen ist eine kleine Landsiedlung mit nur
wenig Ansässigen), sagt um 1640 Wettingens Abt Christoph Bachmann. Die
Ortschaft umfasste noch am Ende des 18. Jahrhunderts erst zehn bewohnte
Häuser, die mehrheitlich an der Wegkreuzung im heutigen Oberdorf
standen. Bis um 1840 wuchs der Bestand auf 17 Wohnhäuser an, wobei nun
die Besiedlung auch längs der Landstrasse erfolgte. 1842 äscherte ein
Brand im Oberdorf mehrere stattliche, mit Stroh bedeckte Bauernhäuser
ein.
Der alte Dorfkern profitiert
bis heute von einem rückwärtigen Wiesenhang und dem nahen Wald. Er
besteht im wesentlichen aus einem von wenigen Gebäuden umstandenen,
räumlich geschlossenen Wegknoten, durch den sich der vom Heitersberg
schnell abfallende Dorfbach windet.

In seinem Werk kommentiert
Peter Hoegger u. a. die folgenden alten Häuser:
Dorfstrasse Nr. 16 (Füglister).
Vorwiegend gemauertes Doppelbauernhaus vermutlich aus dem 17.
Jahrhundert, mit querfirstig geschiedenen Wohnungen und firstparallel
geteilten Nutzräumen. Die Haustüren stirnseitig, in der Gibelwand und
in der Trennwand zum Tenn. Irregulär gesetzte, am Obergeschoss
altertümlich kleine Fenster. Darüber sind die Stummel der
nachträglich verkürzten Ankerbalken sichtbar, auf denen die Rafen des
ursprünglichen Strohdachs auflagen. Das heutige Dach ist eine
Sparrenkonstruktion mit seitlichen Stuhlsäulen und abgefangenen
Firstständern. Die Stallscheune trägt seit 1922 eine
Bretterverschalung.
Rütihaldenstrasse Nr.1 (isler).
Mittertennhaus in Fachwerktechnik. Am Erdgeschoss des heute verputzten
Wohnteils ein dreigliedriges Reihenfenster über barockem Wulstsims. Das
in sichtbaren Drehpfannen ruhende Tenntor trägt zahlreiche
Darstellungen von Zimmermannswerkzeigen (Gertel, Zange, Spitzkeil,
Zirkel, Bundhaken, Hammer, Axt, Bohrer, Winkeleisen u.a.) sowie zwei
gerahmte Inschriften, die über den Bauherrn informieren:
"1710. I(OSEPH)
S(CHERER) K(ILLWANGEN). Z(IMMERMANN IM). K(LOSTER). W(ETTINGEN)"
und JOSEPH SCHERER IN KILWANG(EN)".

Sparrendach. Östlich an die
Wohnung angebaut, ein zweiter, teils gemauerter, teils geriegelter
Wohntrakt (Scherer)
An der Ecke
Rütihaldenstrasse / Schürweg steht ein kleines Landwirtschaftsgebäude
(Ortsbürger) des 18. oder frühen 19. Jahrhunderts, mit Sparrendach,
hauptseitigem Gerschild und Klebedächlein. Sein fensterloses gemauertes
Erdgeschoss öffnet sich in ganzer Breite gegen die Strasse und diente
vermutlich seit je als Wagenschopf. Das geriegelte Obergeschoss kann
über eine traufseitige Hoztreppe betreten werden und dürfte eine
Werkstat, einen Abstellraum oder eine kleine Behausung umfasst haben,
wie aufgrund der offenbar originalen Befensterung und einer
hauptseitigen Türe für den Durchlass sperriger Güter zu vermuten ist.
In der rückwärtigen Giebelfassade liegt ein nachträglich
eingebrochenes Rechteckportal mit Sturzinschrift "CH. 1818. HSL".
Eine Deutung des Gebäudes als Schopfspeicher ist aufgrund seines
heutigen Erscheinungsbild nicht sehr einleuchtend. Dennoch kennt jedes
Kind im Dorfe das Gebäude als "Spycher".
Zürcherstrasse Nr. 4 (Würsch).
Mächtiges Vierfachbauernhaus mit viermal sieben regelmässig gesetzten
Achsen, errichtet 1843, wohl als Ersatz für vier niedergebrannte
Gehöfte im Oberdorf. Die Wohnungen waren ursprünglich durch zwei
mittige Portale in den Traufassaden zugänglich. Der Nutztrakt ist heute
zu Wohnzwecken umgebaut. Schnittiges, nur unmerklich geknicktes
Sparrendach. Denselben Typ des Mehrfachbauernhauses verkörpern die
Gebäude Dorfstrasse Nr. 18 (Keller) aus dem Jahre 1839 - heute
durchgreifend umgebaut - und Zürcherstrasse Nr. 8 (ehemals Fridolin
Küng) aus dem späten 18. Jahrhundert.
Zwischen Unterdorf und
Oberdorf markieren die Mittertennbauten Dorfstrasse Nrn. 6 (Schaufelberger)
und 10 Widmer sowie Sennenbergstrasse Nr. 2 (Schärer) die um 1850
erfolgte Dorferweiterung. In der Zeile dieser Häuser steht auch das
1875/76 durch Robert Moser in Baden projektierte erste Dorfschulhaus,
ein traufständiger, zweigeschossiger Mauerbau mit symmetrisch
disponierten Einfach- und Doppelfenstern und schwach geneigtem
Rafenfdach.
Das Haus Dorfstrasse 10 (früher Nr. 13)
hat im Gegensatz zu anderen alten Häusern in Killwangen kaum bauliche
Veränderungen erfahren. Die über 90jährige Aufnahme zeigt
Posthalter Albert Widmer mit seiner Familie (Foto zVg von Frieda Wimder)
Das Bild rechts stammt aus dem Winter 1998 und zeigt die Dorfstrasse von
Killwangen im Winter

Haus Schaufelberger
1999 und 1912 und altes Schulhaus
Das ursprüngliche
Sieglungsbild (Oberdorf) ist einigermassen intakt geblieben. Die nicht
mehr der Landwirtschaft dienenden Häuser sind durchwegs bewohnt, wobei
die Oekonomieteile aber verschiedenartige neue Funktionen erfüllen. Die
einzigen noch heute der Landwirtschaft dienenden Bauernbetriebe,
Schaufelberger und Würsch - mit der über dem Hauseingang
eingemeisselten Jahreszahl 1842 - symbolisiert gleichsam einen Neuanfang
im damaligen Katastrophenjahr, d.h. den Uebergang von der weichen
(Stroh) zur harten Bedachung (Ziegel)
Beiden Familien ist zu
wünschen, dass sie den Herausforderungen in einer für den Bauernstand
schwierigen Zeit auch in Zukunft gewachsen sind.
Hans Schädler
Quelle:
Killwanger Neujahrsblatt 1997, 9. Jahrgang Hans Schädler
Peter Hoegger, "die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau" Band
VII: Bezirk Baden (2. Teil), 1995
Walter Blaser, "Bauernhausformen im Kanton Aargau", 1974