Geschichte Killwangen

 Killwangen AG

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Alte Häuser 
Aus dem Neujahrsblatt von 1997 der Gemeinde Killwangen


Bauernhäuser in Killwangen, Federzeichnungen von J.L. Meyer von Knonau, um 1750

 

Durch die industrielle Entwicklung in den letzten Jahren und Jahrzenten haben viele Dörfer ihren ehemals bäuerlichen Charakter verloren; nur in wenigen, meist kleinen und abgelegenen, blieb das Bauerndorfbild erhalten. Die nicht mehr der Landwirtschaft dienenden Bauernhäuser verfallen entweder dem Abbruch oder erfahren meist gleichzeitig mit dem Funtionswandel auch einschneidende formale Veränderungen. Diese Entwicklung trägt wiederum zur allmählichen Zerstörung der lokaltypischen baulichen Eigenarten bei. Freuen wir uns, dass in Killwangen noch einige ehemalige Bauernhäuser - trotz aufwendigerem Unterhalt - liebvoll gepflegt werden und der Nachwelt erhalten bleiben.

Im alten Getreidebaugebiet des Mittellandes dominierte der Einhausbau. In der Regel erfolgte eine Unterteilung dieser Vielzweckbauten in Wohnung, Tenn und Stall (Dreisässenhaus). Gesamthaft überwiegen dabei die Mittertennhäuser gegenüber den Mitterstallhäusern - so auch in Killwangen. Eine historisch bedingte Abhängigkeit von benachbarten Gebieten kommt auch durch die markanten konstruktiven Unterschiede, speziell durch die verschiedenartigen Merkmale von Wand und Dach, den beiden wichtigsten Hauselementen, zum Ausdruck. In Killwangen z.B. macht sich der zürcherisch-ostschweizerische Fachwerkbau mit dem mittelsteilen, seit langer Zeit mit Ziegeln gedeckten Satteldach deutlich Bemerkbar.

Das Aufkommen des Backsteins als bevorzugter Baustoff, welcher die alten, an Ort und Stelle vorhandenen Materialien (Holz, Kalk- und Sandstein sowie Lehm) seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach ersetzte, hatte vor allem bezüglich Wandkonstruktion eine zunehmende Gleichförmigkeit zur Folge. Die Fachwerkwand galt als minderwertig. Der Verputz an bestehenden Bauten sollte - wie der Kalkmilchanstrich an Ständerwänden - den vermeintlich vornehmeren Steinbau vortäuschen.

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Haus Zürcherstrasse 2: Dieses klassische Mittertennhaus - zuletzt bewohnt von Oswald Scherer - wurde leider 1971 abgebrochen. Die Aufnahme von 1934 zeigt die Bauernfamilie Paul Scherer (Foto zVg von Bernhard Scherer)

Wenn man das Wort "Haus" ausspricht, kommen verschiedene Bedeutungen auf. Eine jedoch überwiegt alle andern. Und diese eine ist auch die ursprüngliche: Geborgenheit. "Haus" steht sprachlich in enger Verwandtschaft zu "Haut" und "Hut". Jedes dieser Wörter meint das Behüten, das Beschützen, das Bergen. Besonders in einem alten Haus begegnen sich andauernd und immer wieder Zeit und Ewigkeit, Traum und Erfüllung, Wunsch und Gabe. In altem Gemäuer lässt sich gut leben, menschlich leben. Die Wände erzählen Geschichten und das Material atmet. Alte Häuser haben ihre Geheimnisse - sie sind stets mit dem Schicksal ihrer Bewohner und dem Dorf verbunden.

In den nachfolgenden Ausführungen stütze ich mich weitgehend auf den 1995 erschienen Bildband "Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau", Bezirk Baden (2. Teil) Peter Hoegger, ein Kunsthistoriker von grosser Sorgfalt und einer klaren Sprache, behandelt in diesem Werk 15 Landgemeinden, darunter auch Killwangen. Im Text weist der Autor eine beneidenswerte Fülle an Kenntnissen in der Bautypologie aus und widmet sich eingehend den für die Region besonders charakteristischen Entwicklungen der Ortsbilder.

Für Killwangen wird ein Bezug zurück bis ins 13. Jahrhundert hergestellt mit dem Hinweis auf die Gebäulichkeiten auf dem Sennenberg.

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Schon durch den Gütererwerb in Killwangen, 1234, kam das Kloster Wettingen in den Besitz des Sennenbergs. Hier- auf des "Lobwürdigen Gotteshauses Senten Weydt an dem berg ob Kihlwangen hinauf zu oberst" - liess Abt Nikolaus Göldlin von Tiefenau um 1680 für seine Konventualen ein Erholungsheim errichten. Sein vierter Nachfolger, Abt Alberich Beusch, ergänzte 1729 dessen Ausstattung. Unter Abt Alberich Denzler erfolgte 1822 eine Vergrösserung der benachbarten Stallscheune. Nach der Aufhebung des Klosters Wettingen 1841 ging der Sennenberg in Privatbesitz über; heute ist er Eigentum des Verbandes Aargauischer Fleckviehzuchtgenossenschaften. 1920 wurde anlässlich einer Tieferlegung des Hauptdachs der wertvolle Gemäldeschmuck im Innern des Hauses nach notdürftiger fotografischer Dokumentierung entfernt. Der grösste Teil davon gelangte ins historische Museum Baden und erfuhr anschliessend durch Kunstmaler Baur eine Restauration. 

Alte Wandmalereien aus Killwangen >>

Um 1370 wird in Killwangen eine Kapelle erwähnt. Abt Johann Müller von Wettingen (1486  - 1521) liess das kleine Gotteshaus zu Ehren der Heiligen Ursus und Viktor neu errichten, wie es scheint aus Anlass einer Reliquienschenkung aus Solothurn. Nach der Reformation holte Abt Christoph Silberisen (1563 - 1594) die Reliquien und den Altar ins Kloster Wettingen. Später wurde die Kapelle profanen Zwecken zugeführt; um die Mitte des 19. Jahrhunderts gingen Teile ihrer Umfassungsmauern im Neubau eines Landwirtschaftsgebäudes auf. Der kleine Sakralbau lag am Platz des heutigen Mittertennhauses Zürcherstrasse 1 (Fam. Greber). Die Kappelle bestand aus einem 24x12 Schritte messenden Rechteckschiff und einem 12 Schritte tiefen eingezogenen Chor mit Halbkreisschluss. In der nordwestlichen Stirnwand des Gehöftes ist vom Heuboden aus ihre aus Bollen- und Bruchsteinen gefügte Giebelmauer mit den beiden Dachschrägen und einem zugemauerten Rechteckfenster noch deutlich wahrzunehmen. Im Boden des südostseitigen Gartens wurden vor Zeiten die Chorfundamente festgestellt.

"Est Killwangen villula paucorum civium" (Killwangen ist eine kleine Landsiedlung mit nur wenig Ansässigen), sagt um 1640 Wettingens Abt Christoph Bachmann. Die Ortschaft umfasste noch am Ende des 18. Jahrhunderts erst zehn bewohnte Häuser, die mehrheitlich an der Wegkreuzung im heutigen Oberdorf standen. Bis um 1840 wuchs der Bestand auf 17 Wohnhäuser an, wobei nun die Besiedlung auch längs der Landstrasse erfolgte. 1842 äscherte ein Brand im Oberdorf mehrere stattliche, mit Stroh bedeckte Bauernhäuser ein.

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Der alte Dorfkern profitiert bis heute von einem rückwärtigen Wiesenhang und dem nahen Wald. Er besteht im wesentlichen aus einem von wenigen Gebäuden umstandenen, räumlich geschlossenen Wegknoten, durch den sich der vom Heitersberg schnell abfallende Dorfbach windet. 

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In seinem Werk kommentiert Peter Hoegger u. a. die folgenden alten Häuser:

Dorfstrasse Nr. 16 (Füglister). Vorwiegend gemauertes Doppelbauernhaus vermutlich aus dem 17. Jahrhundert, mit querfirstig geschiedenen Wohnungen und firstparallel geteilten Nutzräumen. Die Haustüren stirnseitig, in der Gibelwand und in der Trennwand zum Tenn. Irregulär gesetzte, am Obergeschoss altertümlich kleine Fenster. Darüber sind die Stummel der nachträglich verkürzten Ankerbalken sichtbar, auf denen die Rafen des ursprünglichen Strohdachs auflagen. Das heutige Dach ist eine Sparrenkonstruktion mit seitlichen Stuhlsäulen und abgefangenen Firstständern. Die Stallscheune trägt seit 1922 eine Bretterverschalung.

Rütihaldenstrasse Nr.1 (isler). Mittertennhaus in Fachwerktechnik. Am Erdgeschoss des heute verputzten Wohnteils ein dreigliedriges Reihenfenster über barockem Wulstsims. Das in sichtbaren Drehpfannen ruhende Tenntor trägt zahlreiche Darstellungen von Zimmermannswerkzeigen (Gertel, Zange, Spitzkeil, Zirkel, Bundhaken, Hammer, Axt, Bohrer, Winkeleisen u.a.) sowie zwei gerahmte Inschriften, die über den Bauherrn informieren:

"1710. I(OSEPH) S(CHERER) K(ILLWANGEN). Z(IMMERMANN IM). K(LOSTER). W(ETTINGEN)" und JOSEPH SCHERER IN KILWANG(EN)".

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Sparrendach. Östlich an die Wohnung angebaut, ein zweiter, teils gemauerter, teils geriegelter Wohntrakt (Scherer)

An der Ecke Rütihaldenstrasse / Schürweg steht ein kleines Landwirtschaftsgebäude (Ortsbürger) des 18. oder frühen 19. Jahrhunderts, mit Sparrendach, hauptseitigem Gerschild und Klebedächlein. Sein fensterloses gemauertes Erdgeschoss öffnet sich in ganzer Breite gegen die Strasse und diente vermutlich seit je als Wagenschopf. Das geriegelte Obergeschoss kann über eine traufseitige Hoztreppe betreten werden und dürfte eine Werkstat, einen Abstellraum oder eine kleine Behausung umfasst haben, wie aufgrund der offenbar originalen Befensterung und einer hauptseitigen Türe für den Durchlass sperriger Güter zu vermuten ist. In der rückwärtigen Giebelfassade liegt ein nachträglich eingebrochenes Rechteckportal mit Sturzinschrift "CH. 1818. HSL". Eine Deutung des Gebäudes als Schopfspeicher ist aufgrund seines heutigen Erscheinungsbild nicht sehr einleuchtend. Dennoch kennt jedes Kind im Dorfe das Gebäude als "Spycher".

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Zürcherstrasse Nr. 4 (Würsch). Mächtiges Vierfachbauernhaus mit viermal sieben regelmässig gesetzten Achsen, errichtet 1843, wohl als Ersatz für vier niedergebrannte Gehöfte im Oberdorf. Die Wohnungen waren ursprünglich durch zwei mittige Portale in den Traufassaden zugänglich. Der Nutztrakt ist heute zu Wohnzwecken umgebaut. Schnittiges, nur unmerklich geknicktes Sparrendach. Denselben Typ des Mehrfachbauernhauses verkörpern die Gebäude Dorfstrasse Nr. 18 (Keller) aus dem Jahre 1839 - heute durchgreifend umgebaut - und Zürcherstrasse Nr. 8 (ehemals Fridolin Küng) aus dem späten 18. Jahrhundert.

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Zwischen Unterdorf und Oberdorf markieren die Mittertennbauten Dorfstrasse Nrn. 6 (Schaufelberger) und 10 Widmer sowie Sennenbergstrasse Nr. 2 (Schärer) die um 1850 erfolgte Dorferweiterung. In der Zeile dieser Häuser steht auch das 1875/76 durch Robert Moser in Baden projektierte erste Dorfschulhaus, ein traufständiger, zweigeschossiger Mauerbau mit symmetrisch disponierten Einfach- und Doppelfenstern und schwach geneigtem Rafenfdach.

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Das Haus Dorfstrasse 10 (früher Nr. 13) hat im Gegensatz zu anderen alten Häusern in Killwangen kaum bauliche Veränderungen erfahren. Die über 90jährige Aufnahme zeigt Posthalter Albert Widmer mit seiner Familie (Foto zVg von Frieda Wimder) Das Bild rechts stammt aus dem Winter 1998 und zeigt die Dorfstrasse von Killwangen im Winter

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Haus Schaufelberger 1999 und 1912 und altes Schulhaus

 

Das ursprüngliche Sieglungsbild (Oberdorf) ist einigermassen intakt geblieben. Die nicht mehr der Landwirtschaft dienenden Häuser sind durchwegs bewohnt, wobei die Oekonomieteile aber verschiedenartige neue Funktionen erfüllen. Die einzigen noch heute der Landwirtschaft dienenden Bauernbetriebe, Schaufelberger und Würsch - mit der über dem Hauseingang eingemeisselten Jahreszahl 1842 - symbolisiert gleichsam einen Neuanfang im damaligen Katastrophenjahr, d.h. den Uebergang von der weichen (Stroh) zur harten Bedachung (Ziegel)

Beiden Familien ist zu wünschen, dass sie den Herausforderungen in einer für den Bauernstand schwierigen Zeit auch in Zukunft gewachsen sind.

Hans Schädler

 

Quelle:
Killwanger Neujahrsblatt 1997, 9. Jahrgang Hans Schädler
Peter Hoegger, "die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau" Band VII: Bezirk Baden (2. Teil), 1995
Walter Blaser, "Bauernhausformen im Kanton Aargau", 1974


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